Der letzte Artikel endete absolut filmreif damit, dass es im Kreißsaal im Gespräch mit der Hebamme plötzlich „platsch“ machte, ich mich tierisch erschreckte und es nass an meinen Beinen heruntergelaufen ist. Was war das? Ich war verwirrt, war ich am Ende doch inkontinent geworden? Hebamme und Mann waren total irritiert, weil ich, wie von der Tarantel gestochen, plötzlich hochgeschossen bin und und nur meinte: „Schei*e, ich glaub meine Fruchtblase ist geplatzt.“
Ich wartete kurz ab, weil mir immer wieder gesagt wurde, dass Fruchtwasser im Gegensatz zu Urin nachläuft und so war es auch. Bingo! Jackpott! Es ging jetzt los und die Wehen waren im Gegensatz zu den vorherigen heftig.

Ich schaute auf die Uhr – 21 Uhr irgendwas, das wird eine lange Nacht, wenn man die 12 bis 14 Stunden im Durchschnitt bei einer Erstgeburt rechnet.
Die Wehen kamen und gingen und zogen mir gedanklich die Füße unter dem Boden weg. Mein Mann hat mir tapfer zur Seite gestanden und mir hindurch geholfen. Wir haben die verschiedensten Positionen ausprobiert, der Ball war für meine Größe zu klein aufgeblasen, so dass ich wie ein Frosch darauf saß. In dem „Not“-Kreißsaal (der, der eher für Behandlungen, Vorsorgen, ect pp genutzt wird und nur für Geburten, wenn die anderen voll sind) gab es, im Gegensatz zu den anderen Sälen, kein Seil (das hätte ich gerne mal ausprobiert), der Vierfüßlerstand verstärkt laut Hebamme das Öffnen des Muttermundes, was sich in heftigere Schmerzen äußert…so habe ich die meiste Zeit an den Schultern meines Mannes gehangen, was durch die Nähe unheimlich beruhigend war.

Aber eins kann ich sagen. Wehen sind Wehen und da könnte man auf Wolken gebettet sein, es ist einem sowas von egal. Es sind und bleiben fürchterliche Schmerzen.
Genau so verhält sich das auch mit dem Kreißsaal. Die meiste Zeit hatte ich die Augen geschlossen und dann ist es mir egal, ob die Wände in Ocker, Blau, rot gestrichen, oder total tuffige Bilder an der Wand hängen. Ich hätte das Kind auch in der nächsten Frittenbude bekommen, wenn es hätte sein müssen. Aber genug davon und zurück zur Geburt.

Zwischendurch erhaschte ich zwischen den Wehen mal ein Blick auf die Uhr. 23 Uhr. Hui, die Zeit geht schnell um. Problem war nur, dass die Wehen nun völlig abartig wurden und keine Ahnung hatte, wie ich das, in Gottes Namen, noch 10 Stunden durchhalten soll. Im Gedanken sah ich mich schon bei de PDA, ich fürchtete jede kommende Wehe, die unheimlich eng aneinander waren. Ich habe um Pausen gebetet, damit ich Kraft bekam, die mir aber selten gegönnt wurden.

Die Zeit läuft erbarmungslos weiter, ich bin am verzweifeln und versuche, so gut, wie es geht, durch die Wehen hindurch zu kommen. Ich werde inzwischen laut und kann die Wehen nicht mehr still veratmen, sondern muss, wie ein brünftiger Hirsch, mit Ooooohs und Aaaahs durch die Wehen.

Die Hebamme schaut inzwischen nach, ob sich etwas nach der kurzen Zeit (etwas mehr als zwei Stunden) etwas am Muttermund getan hat. „Muttermund ist auf 6 cm!“ Ich dachte, ich hätte mich verhört und musste nachgefragten… Immerhin ist diesmal die Arbeit nicht umsonst!
Irgendwann keuche ich zwischen den Wehen, dass ich es nicht mehr schaffe, das Pressen zu unterdrücken, die Hebamme antwortet mir, dass das kein Problem wäre, wenn ich meine, ich müsse pressen, dann soll ich das machen. Wie? Ich darf? Sind wir schon soweit?

Während der ganzen Geburt wird unser Kleiner immer wieder mit dem CTG überwacht, es ist, bis am Ende auch ganz gut, er verkraftet die Geburt also gut.
Irgendwann bekommt er eine CTG-Elektrode an den Schädel geklebt, weil die Geburt schon so weit fortgeschritten ist und man nicht mehr anderweitig ran kommt.

Endspurt!
Bei den kommenden Wehen soll ich einen Bein hochnehmen, Luft anhalten, nach unten pressen und den Kopf auf die Brust nehmen. Leichter gesagt, als getan. Schon vorher in den Wehen waren die Beine eher der Gummifraktion zuzuordnen und die Kraft, das Bein und die Luft zu halten und dann auch noch den Kopf nach unten zu pressen ist echt viel. Man mag es nicht glauben.
Um mich herum wird es ein wenig hektischer, mich wundert das soweit nicht, weil wir ja auf der Zielgeraden sind. Das große Licht wird angemacht, ich lasse mich nicht weiter stören und lasse die Augen den Großteil der Zeit zu.
Ich habe schon mehrere Presswehen hinter mir, mein Mann feuert mich an und motiviert mich. Jedoch frage ich mich, wann mein Kleiner denn endlich den Kopf durchbekommt und wie oft ich noch pressen soll.
Die Hektik hält an. Die Herztöne vom Kleinen werden scheinbar schlechter, wovon ich nichts weiss und er findet mit seinem Kopf den Weg nicht. Die Ärztin versucht mit den Fingern ihn in die richtig Position zu locken, aber es klappt nicht. Die Zeit scheint eng zu werden, denn ich erhalte von der Oberärztin einen Dammschnitt, der sich anfühlte, als wenn ein brennendes Schwert einen zerteilt und (wovon ich nichts wirklich mitbekommen habe) der Kleine bekommt die Saugglocke auf. Die andere Ärztin und meine Hebamme werfen sich während meiner Wehen auf meinen Bauch und drücken den Kleinen mit heraus und halten ihn nach der Wehe auch dort, weil er sonst immer zurückgerutscht ist.

Ungefähr nach 3 weiteren Presswehen haben wir es endlich geschafft, unser kleiner Schatz ist auf der Welt. Danach folgen noch weitere kleine Wehen, um die Plazenta auszustoßen und die Gebärmutter zurückzubilden. Die Nabelschnur, welche wohl sehr lang war, war um den Hals geschlungen und haben wohl zusätzlich die Herztöne verringert, aber es ist gut gegangen. Insgesamt sind wir laut Ärztin haarscharf an einem Kaiserschnitt vorbei gerutscht.

Gero ist seit 01:04 Uhr auf der Welt, es ist der 10.12.2011, er wiegt 3425 Gramm , er ist 51 cm groß und der Kopfumfang misst 35 cm.

Vom Sprung der Fruchtblase bis zur Geburt sind 3 1/2 Stunden vergangen und ich hatte keine PDA (wann denn auch). Laut Ärztin und Hebamme war es eine schwere Geburt, die ich im nach hinein aber „ok“ fand. Natürlich war sie heftig und jede Wehe ist eine Naturgewalt, die einen förmlich überrollt, aber nicht fürchterlich traumatisch.
Nach einer ausgeschlafenen Nacht, weil wir den Kleinen im Kinderzimmer der Wöchnerinnenstation abgegeben haben fühle ich mich wieder soweit fit. Die Dammnähte zwicken und der Wochenfluss ist auch schon weniger geworden. Bis zur der U2 verbleiben wir aber auch noch hier und lassen uns versorgen.

Jetzt beginnt ein neuer Abschnitt in unserem Leben.

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