Eigentlich dreht sich Trudis Kosmos um schöne Dinge, an denen ich die Welt teilnehmen lassen möchte. Gerade auch zur Weihnachtszeit möchte wir alle eigentlich nur schöne Dinge hören und uns an schönen Dingen erfreuen – schöne, heile Welt. Eigentlich, denn ich habe von gestern und heute zu berichten.

Mein Mann fährt jeden Morgen mit dem Zug zur Arbeit und hat sich die Tage immer wieder geärgert, weil die Bahn immer wieder Verspätungen hatte, oder er einfach ohne Ansage im Zug stecken blieb. Hieran war auch bisher eigentlich immer die Wetterverhältnisse und die Informationspolitik der Bahn schuld.

Ähnlich erging es mir auch gestern, als wir uns in der Stadt getroffen haben. Zunächst wurde am Gleis der Zug auf unbestimmte Zeit verlegt (kam dann aber doch noch recht „pünktlich“), der Zug auf der Gegenseite fiel komplett aus, und dann standen wir ziemlich lange in Mitten von nirgendwo. Durchsage gab es keine und ich habe ungefähr die doppelte Zeit benötigt. Das ist auch der Angelpunkt meiner Überschrift – Stillstand, was uns nicht bewegt.

Informationen, warum ich fest saß hat mir mein Mann besorgt, der mir am Handy erzählte, dass ein Personenschaden vorlag. Personenschaden. Was für ein neutraler Begriff. Wenn man nun 1 und 1 zusammenzählt kann man erahnen, was passiert ist, denn wie immer zur Weihnachtszeit schnellen auch die Suicidzahlen in die Höhe und das ist das, was mich bewegt.

Heute sitzt man Mann natürlich wieder im Zug und ist auf dem Weg zur Arbeit und wieder steckt er fest und wieder gibt es erst nach mehr als einer Viertelstunde Informationen und schon wieder gab es einen Personenschaden. Und ich frage mich, ob der Freitod eines Fußballers damit zu tun hat, ob er eventuell den Sprung vor den Zug „salonfähig“ gemacht hat. Ich möchte hierbei nicht in Frage stellen, ob sich jemand das Leben nimmt, sondern ganz pragmatisch das wie.

Als damals die Medien den Tod des Fußballers verarbeiteten und die Welt mit der Witwe trauerte gab es einen sehr guten Artikel über ein weiteres Opfer dieser Wahl des Freitodes, den Lokführer. (Den Artikel finde ich gerade leider nicht mehr, alternativ ist dieser hier aus der Sicht eines Lokführers lesenswert.

Versteht mich nicht falsch, mein Mitgefühl wirklich aus tiefsten Herzen denjenigen, die jemanden verloren haben, der aus dem Leben scheiden wollte, aber ich finde es vom Suicidenten unverantwortlich und grausam einen völlig Unbeteiligten mit in dieses Gefüge hineinzuziehen und ungefragt in die Rolle des Totschlägers zu drücken. Mir ist es unvorstellbar, wie sich ein Lokführer fühlen muss, wie er mit dieser ungeheuren Last leben kann. Dem Schweizer Tagesanzeiger nach erlebt jeder Lokführer statistisch drei mal in seiner beruflichen Laufbahn. (Quelle)

Und da frage ich mich, wieviel ein Mensch doch aushalten kann/muss, gerade auch in der heutigen Zeit, wo es problematisch ist eine Arbeit zu finden, soweit man danach noch arbeitsfähig sein kann. Ich wäre es sicherlich nicht.

Ich hoffe, ich habe niemanden mit diesem Eintrag vor den Kopf gestossen, das möchte ich wirklich nicht, aber da diese Personenschäden nun gerade zwei Tage hintereinander geschehen sind, wollte ich dieses Thema einmal aufgreifen und auch gerade zu dieser Jahreszeit einmal an diejenigen denken, denen es nicht gut geht. Den Suicidenten, deren Familienangehörigen und auch den Personen, die sich beruflich mit der Selbsttötung am Gleis auseinandersetzen müssen, ob nun Lokführer, Polizei oder Feuerwehr. Ich wünsche ihnen alle Kraft und das sie einen Anker im Leben haben oder finden mögen, an dem sie sich halten können.

Und mein Mann? Der sitzt im übrigen immernoch im Zug fest, nun seit über zwei Stunden.

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